Growing with your country: Thoughts from a long-term optimist
Jedes Jahr schreibe ich einen Brief, in dem ich Gedanken aus zahlreichen Gespräche zusammenfasse, die ich weltweit führe, ob mit Kunden, Mitarbeitenden, politischen Entscheidungsträgern oder mit Menschen, die für ihre Altersvorsorge investieren. Dabei habe ich in letzter Zeit immer wieder gehört, dass viele Menschen unsicher sind, wie sie sich im aktuellen Umfeld verhalten sollen.
Das ist verständlich. Wir leben in einer Zeit, in der Dinge, die früher eine Epoche geprägt hätten, zum Tagesgeschäft gehören: Kriege mit globalen Auswirkungen, billionenschwere Unternehmen, eine grundlegende Neuordnung des globalen Handels und die Verbreitung der bedeutendsten technologischen Innovation seit dem Computer.
Häufig werden diese Entwicklungen nur aus einer kurzfristigen Perspektive beleuchtet. Tägliche Schwankungen am Markt werden als Anzeichen für dauerhafte Trends gewertet, komplexe wirtschaftliche oder technologische Umbrüche auf Schlagzeilen reduziert. In der modernen Welt verbreiten sich Informationen extrem schnell und Reaktionen erfolgen direkt. Mitunter kann man das Gefühl bekommen, unsere Zeit wäre Dopamin-gesteuert: ein anhaltender Informationsfluss, der impulsives Handeln belohnt. Doch das Tempo der Entwicklungen kann die Perspektive verzerren und langfristige Betrachtungen überdecken.
Jedoch erfüllen diese kurzfristigen Aktivitäten an den Finanzmärkten auch wichtige Funktionen: Über sie werden neue Informationen eingespeist, Risiken eingepreist und Kapital investiert.
Trotzdem war es auf lange Sicht immer wichtiger, investiert zu bleiben, als sich aufs Timing zu konzentrieren. Ein vor 20 Jahren in den S&P 500 investierten Dollar hat sich im Wert um mehr als verachtfacht. Wenn man die zehn besten Tage verpasst hätte, wäre der Gewinn noch nicht einmal halb so hoch gewesen.1 Dabei fielen einige der Tage mit den besten Ergebnissen in Phasen mit höchst beunruhigenden Entwicklungen.
Wir laufen Gefahr, in der Informationsflut zu übersehen, was wirklich wichtig ist. Die Entwicklungen hinter den heutigen Schlagzeilen haben sich über längere Zeit herausgebildet. Das alte Modell des globalen Kapitalismus hat Risse bekommen. Weltweit investieren Länder enorme Summen für mehr Unabhängigkeit in der Energieversorgung, der Verteidigung und im technologischen Fortschritt.
Der Großteil des Wohlstands floss dabei bislang denjenigen zu, die bereits über Vermögen verfügten, und nicht denjenigen, die ein Grossteil ihres Geld durch Arbeit verdienten. Ein im Jahr 1989 am US-Aktienmarkt investierter US-Dollar ist heute 15-mal so viel wert wie derselbe Dollar, gemessen am Wertzuwachs eines mittleren Einkommens 2. Nun besteht die Gefahr, dass Künstliche Intelligenz dieses Ungleichgewicht zusätzlich verstärkt, sodass vor allem Unternehmen und Anleger vom Wachstum – und damit vom steigenden Wohlstand – profitieren.
Viel der aktuellen wirtschaftlichen Verunsicherung beruht auf dem unterschwelligen Gefühl, dass der Kapitalismus zwar funktioniert, aber dass die Ergebnisse zu wenigen zugutekommen. Sich auf kurzfristige Investments auszurichten löst das Problem nicht. Vielmehr sind es langfristige Investitionen, die es Ländern ermöglichen, heimische Industrien aufzubauen, die Menschen dauerhaften Wohlstand bringen und ihnen zeigen, dass auch sie vom Wirtschaftswachstum ihres Landes profitieren können.
Im besten Fall bewirkt langfristiges Investieren eine Art gesellschaftliches Wunder. Wenn Menschen ihr Erspartes über Jahrzehnte und nicht nur für wenige Tage anlegen, wird dieses Geld über die Kapitalmärkte in Unternehmen, Infrastruktur und neue Arbeitsplätze investiert. Wo dieser Kreislauf in Schwung kommt, verknüpft er die Zukunft des Einzelnen mit der seines Landes. Jeder hilft, das Wachstum zu finanzieren, das wiederum sein Vermögen mehrt.
Dass ich persönlich an dieses gesellschaftliche Wunder glaube, ist natürlich auch durch meinen Beruf geprägt. Aber ich spreche hier nicht nur als CEO von BlackRock, sondern aus jahrzehntelanger Erfahrung, die mich gelehrt hat, dass Investieren mehr Menschen helfen kann, am Wirtschaftswachstum teilzuhaben.
Diesen Glauben bestärken auch persönliche Erfahrungen. Mein Vater, geboren 1925, und meine Mutter, Jahrgang 1930, kamen beide nicht aus reichen Familien. Mein Vater besaß ein Schuhgeschäft, meine Mutter war Englischlehrerin. Aber sie sparten, so viel sie konnten, und legten das Ersparte am Kapitalmarkt an.
Das war in den 1950er und 60er Jahren, als in den USA Autobahnen gebaut wurden, der industrielle Aufschwung einsetzte, und der Automobilsektor das Leben in Amerika grundlegend veränderte. Mit ihren geringen Mitteln halfen meine Eltern, all dies zu finanzieren. Auch mit ihrem Kapital wurde das moderne Amerika aufgebaut. Und nach und nach flossen die Gewinne an sie zurück. Als sie schließlich in Rente gingen, hatten sie genug angespart, um ihren Lebensunterhalt komfortabel bis weit über das 100. Lebensjahr hinaus zu sichern. Denn ihr Wohlstand war mit der amerikanischen Wirtschaft gewachsen.
Diese Dynamik beschränkt sich nicht auf die USA. Über Länder und Generationen hinweg ist ein Muster zu beobachten, das sich erstaunlich ähnelt. Familien, die ihre Ersparnisse breit gestreut und kontinuierlich angelegt haben – auch in Zeiten mit Wirtschaftskrisen, Kriegen, Inflation, Finanzkrisen und sogar einer globalen Pandemie –, gaben der Möglichkeit Raum, dass ihr Vermögen parallel zur Wirtschaft ihres Landes wuchs. Dieses Narrativ ist der Grund, warum ich optimistisch bin und bleibe. Nicht etwa weil der Weg geradlinig verlaufen wäre, sondern weil die Märkte tendenziell jene belohnen, die trotz Unsicherheit investiert bleiben.
Genau darum geht es auch heute: Diese Chance mehr Menschen zu eröffnen und sicherzustellen, dass sie am Wachstum ihres Landes teilhaben können – was bei vielen aktuell noch nicht der Fall ist.
Viele Menschen verfügen nicht über genug Geld, um ans Investieren zu denken; ihr Einkommen reicht gerade so für den Lebensunterhalt. Wenn man nicht sicher sein kann, ob man die nächste Miete, Lebensmittel für die kommenden Tage oder unerwartete Ausgaben bezahlen kann, hat man keinen Spielraum, um Geld anzulegen. Zunächst muss es also darum gehen, Menschen zu helfen, eine grundlegende finanzielle Absicherung aufzubauen.
Dies scheint gerade in Gang zu kommen. Immer mehr Arbeitgeber unterstützen Notfallspar-Konten ihrer Angestellten, sogenannte ESA-Konten, von denen Arbeitnehmer gebührenfrei abheben können. Immer mehr Länder führen Förderungen für Depots ein, die bei der Geburt angelegt werden, sodass Kinder von Anfang an am Wachstum ihres Landes teilhaben können.
Selbst dort, wo Ersparnisse vorhanden sind, ist die Teilhabe am Wachstum begrenzt. Die USA sind vermutlich das Land mit der höchsten Anlegerquote weltweit. Dennoch sind rund 40 Prozent der US-Bevölkerung nicht an den Kapitalmärkten investiert.3 Weltweit ist der Anteil der Investoren an der Gesamtbevölkerung noch deutlich geringer.4 Milliarden Menschen beobachten das Wachstum ihrer Volkswirtschaften nur – quasi als Mieter statt als Eigentümer – und legen ihr Erspartes auf Sparkonten, die kaum Zinsen abwerfen, statt es anzulegen und so am Wachstum teilzuhaben.
Märkte funktionieren, wenn Anleger darauf vertrauen, dass sie zu einem fairen Preis kaufen und verkaufen können. Dieses Vertrauen hilft Unternehmen, das nötige Kapital für ihr Wachstum aufzunehmen, und ermöglicht es Familien, ihr Anlagevermögen ohne hohe Kosten breit zu streuen, statt alles auf eine Karte zu setzen. Den Zugang zu diesem System zu erleichtern – durch optimierte Technologie und finanzielle Bildung – könnte mehr Menschen zur Teilhabe am Wirtschaftswachstum verhelfen. Mit der Zeit könnten dieselben technologischen Fortschritte auch die Transparenz verbessern und möglicherweise dazu beitragen, dass mehr Menschen in Teilbereiche der Privatmärkte investieren können, die für Privatanleger bislang meist verschlossen waren, etwa in Infrastruktur oder Private Credit.
Rund 50 Prozent der Weltbevölkerung verfügen über eine digitale Geldbörse auf ihrem Handy.5 Die Zukunft könnte es ermöglichen, damit auch langfristige Investitionen in einen breiten Mix von Unternehmen zu tätigen – genauso einfach, wie man heute mit dem Handy bezahlt. Die Tokenisierung könnte helfen, dies zu beschleunigen, indem sie das Finanzsystem grundlegend modernisiert, sodass es einfacher wird, Anlagen zu tätigen, Wertpapiere zu handeln und Zugang zu den Kapitalmärkten zu erhalten.
Ich möchte meinen Brief mit den Entwicklungen beginnen, die diese Debatte gerade jetzt besonders dringlich machen: die Neuordnung des Welthandels, die Ungleichheit, die in der letzten Generation gewachsen ist, und die Gefahr, dass KI ohne breitere Marktbeteiligung die Unterschiede weiter verschärft.
Anschließend werde ich aus einer langen Liste vier Beispiele herausgreifen, die zeigen, wie Staaten mehr Menschen an die Kapitalmärkte heranführen und ihnen helfen, vom Wirtschaftswachstum zu profitieren.
Im letzten Teil beleuchte ich wie BlackRock mit Kunden zusammenarbeitet, um diese Ziele voranzutreiben.
Noch eine letzte Anmerkung: Diesen Brief zu schreiben gehört zu meinen Pflichten gegenüber unseren Aktionären und Kunden. Es ist aber auch ein Brief und als solcher dazu gedacht, eine Diskussion anzustoßen. Im Folgenden werde ich eine Reihe von Perspektiven darlegen, wobei ich einige besonders betonen möchte, die aus meiner Sicht zielführend für die aktuelle Debatte sind.